"Garten-Ansichten", So, 28. 6. 2003
Veranstaltung mit Hermann Glaser


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Artikel in der RHV vom 2.7.03


im Rahmen der Stadtgartenschau Roth 2003


Paradies und Schrebergarten, Idylle und Zwielicht

Nein - lesen will er nicht, lesen kann er nicht. Das schmale Büchlein vor
ihm auf dem Tisch ist nur ein äußerer Anlass, ist nur die auf einen einfachen, wenn auch sehr wohl formulierten Nenner gebrachte Quintessenz dessen, was in Überfülle in seinem Kopf darauf wartet, hier und jetzt neu gedacht, mit neuen Assoziationen versehen, neu formuliert, neu "geschrieben zu werden. Prof. Dr. Hermann Glaser ist einer der "alten Vollblut-Humanisten, aus jener aussterbenden Spezies von Universaldenkern, die mühelos und spielerisch und dennoch immer sehr fundiert die Querverbindungen herstellen zwischen dem antiken Arkadien und dem Südseeparadies der Tourismuskataloge, zwischen dem biblischen Garten Eden und der Datsche in "Good by Lenin" oder zwischen der Anleitung zur richtigen Pflege von Ackerwinden und der Pisa-Studie. Und wenn er dann loslegt, wenn Blumendekoration, Mikrophon und Wasserglas auf dem Tisch in Sicherheit gebracht sind, dann zieht er seine Zuhörer so in Bann, dass die zweimal 30 Minuten seines Vortrages vergehen wie im Nu. Zwar grenzt er von vorneherein die Thematik seiner Ausführungen ein, benennt genau die Inhalte, die er angehen will, aber schon dabei ergeht er sich in Ausschweifungen und Anmerkungen, die seine Betrachtungen schmücken wie dekorative Arrabesken eine bibliophile Buchausgabe - und das alles, ohne der Gefahr zu erliegen, sich darin ins Endlose zu verlieren. Ihm zu lauschen ist ein
intellektuelles und zugleich sehr sinnliches Vergnügen.

Vom Garten ist die Rede bei dieser Matinee am vergangenen Samstag in der
Volkshochschule, vom Garten, der immer zweierlei ist, ein Ort des Rückzugs
und der Sicherheit, aber auch der Bändigung und der Begrenztheit. Äußerliches Kennzeichen dafür ist der Zaun. Bereits das Wort Paradies lässt sich zurückführen auf einen altpersischen Begriff, der "Einzäunung" bedeutet und auch unser "Garten" hat sich aus einer indogermanischen Bezeichnung für "Flechtwerk, Zaun, Hürde" entwickelt. Erst dadurch, dass es ein "draußen gibt - feindlich, chaotisch und bedrohlich - erst dadurch kann das "drinnen " zu jenem Ort der Sehnsucht werden, wie es der Begriff Paradies für uns darstellt. Im übrigen, so lässt Glaser so nebenbei einfließen, wird das Paradies erst durch den Sündenfall zum richtigen Garten Eden. Ohne Evas Griff zum Apel der Erkenntnis wüssten wir nichts von Gut und Böse, ja es gäbe gar kein Wissen vom Paradies, da es erst nach der Vertreibung daraus als solches zu erkennen ist. Evas Sündenfall bedeutet nichts weniger als denn Beginn jeglicher Kultur schlechthin.

Die Spannung zwischen drinnen und draußen, zwischen Freiheit und Domestizierung, zwischen Unkraut und Kulturpflanze bleibt ein Charakteristikum des Gartens. Selbst der Gartenzwerg lebt von dieser Spannung, er manifestiert das gebändigte Böse - im Mythos sind Zwerge machtvolle und häufig unheilbringende Wesen - und das ist allemal kraftvoller und überzeugender als die langweilige Bravheit eines Engels.

Ambivalenz, Zweideutigkeiten also allüberall, selbst im musikalischen Begleitprogramm dieser Matinee . "Media luz" - Zwielicht - ist der Titel des
ersten Stückes, das die Formation Dos y Dos vorstellt. Sehnsucht und Melancholie verströmen die Tangos, Milongas und Boleros aus Argentinien, die
Ingrid Heubusch am Akkordeon und Peter Juraschek und Dr. Alfons Völkel an
der Gitarre schwungvoll und gut aufeinander eingestimmt intonieren. Und so
wie der ehemalige Kulturdezernent die Zuhörer mitnimmt auf eine verbale,
intellektuelle Vergnügungsfahrt durch die Kulturgeschichte, entführt auch die sichere, eindringliche und einfühlsame Stimme der Mezzosopranistin Lola Gómez das Publikum hinweg in eine träumerische Idylle, zu der der romantische Gartenhof des Seckendorffschlosses den perfekten Rahmen abgibt.

Last not least, selbst das Wetter spielt mit. Ein durchweg verhangener Himmel mit vereinzelten Regentropfen und nur gelegentlich durchdrungen von sparsamen Sonnenstrahlen sorgt für ein ganz reales Zwielicht. Ein Glück, dass die aufgestellten Sonnenschirme nicht in Regenschirme umfunktioniert werden müssen.

Eine gelungene Synthese von Ort, Zeit, Wort und Musik, ein kulturelles Highlight in diesem doch so kulturreichen Sommer in Roth - die zahlreich erschienenen Besucher wussten es zu schätzen. Der verständliche Wunsch nach einer ähnlich intensiven, vielfältigen Veranstaltung jedenfalls stößt bei den Organisatoren, vhs Stadt Roth und Bücher Genniges, auf offene Ohren. Ursula Reitberger, die Leiterin der Volkshochschule, hat da schon einige ganz konkrete Ideen!