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Paradies und Schrebergarten, Idylle und Zwielicht
Nein - lesen will er nicht, lesen kann er nicht. Das schmale
Büchlein vor
ihm auf dem Tisch ist nur ein äußerer Anlass, ist
nur die auf einen einfachen, wenn auch sehr wohl formulierten
Nenner gebrachte Quintessenz dessen, was in Überfülle
in seinem Kopf darauf wartet, hier und jetzt neu gedacht,
mit neuen Assoziationen versehen, neu formuliert, neu "geschrieben
zu werden. Prof. Dr. Hermann Glaser ist einer der "alten
Vollblut-Humanisten, aus jener aussterbenden Spezies von Universaldenkern,
die mühelos und spielerisch und dennoch immer sehr fundiert
die Querverbindungen herstellen zwischen dem antiken Arkadien
und dem Südseeparadies der Tourismuskataloge, zwischen
dem biblischen Garten Eden und der Datsche in "Good by
Lenin" oder zwischen der Anleitung zur richtigen Pflege
von Ackerwinden und der Pisa-Studie. Und wenn er dann loslegt,
wenn Blumendekoration, Mikrophon und Wasserglas auf dem Tisch
in Sicherheit gebracht sind, dann zieht er seine Zuhörer
so in Bann, dass die zweimal 30 Minuten seines Vortrages vergehen
wie im Nu. Zwar grenzt er von vorneherein die Thematik seiner
Ausführungen ein, benennt genau die Inhalte, die er angehen
will, aber schon dabei ergeht er sich in Ausschweifungen und
Anmerkungen, die seine Betrachtungen schmücken wie dekorative
Arrabesken eine bibliophile Buchausgabe - und das alles, ohne
der Gefahr zu erliegen, sich darin ins Endlose zu verlieren.
Ihm zu lauschen ist ein
intellektuelles und zugleich sehr sinnliches Vergnügen.
Vom Garten ist die Rede bei dieser Matinee am vergangenen
Samstag in der
Volkshochschule, vom Garten, der immer zweierlei ist, ein
Ort des Rückzugs
und der Sicherheit, aber auch der Bändigung und der Begrenztheit.
Äußerliches Kennzeichen dafür ist der Zaun.
Bereits das Wort Paradies lässt sich zurückführen
auf einen altpersischen Begriff, der "Einzäunung"
bedeutet und auch unser "Garten" hat sich aus einer
indogermanischen Bezeichnung für "Flechtwerk, Zaun,
Hürde" entwickelt. Erst dadurch, dass es ein "draußen
gibt - feindlich, chaotisch und bedrohlich - erst dadurch
kann das "drinnen " zu jenem Ort der Sehnsucht werden,
wie es der Begriff Paradies für uns darstellt. Im übrigen,
so lässt Glaser so nebenbei einfließen, wird das
Paradies erst durch den Sündenfall zum richtigen Garten
Eden. Ohne Evas Griff zum Apel der Erkenntnis wüssten
wir nichts von Gut und Böse, ja es gäbe gar kein
Wissen vom Paradies, da es erst nach der Vertreibung daraus
als solches zu erkennen ist. Evas Sündenfall bedeutet
nichts weniger als denn Beginn jeglicher Kultur schlechthin.
Die Spannung zwischen drinnen und draußen, zwischen
Freiheit und Domestizierung, zwischen Unkraut und Kulturpflanze
bleibt ein Charakteristikum des Gartens. Selbst der Gartenzwerg
lebt von dieser Spannung, er manifestiert das gebändigte
Böse - im Mythos sind Zwerge machtvolle und häufig
unheilbringende Wesen - und das ist allemal kraftvoller und
überzeugender als die langweilige Bravheit eines Engels.
Ambivalenz, Zweideutigkeiten also allüberall, selbst
im musikalischen Begleitprogramm dieser Matinee . "Media
luz" - Zwielicht - ist der Titel des
ersten Stückes, das die Formation Dos y Dos vorstellt.
Sehnsucht und Melancholie verströmen die Tangos, Milongas
und Boleros aus Argentinien, die
Ingrid Heubusch am Akkordeon und Peter Juraschek und Dr. Alfons
Völkel an
der Gitarre schwungvoll und gut aufeinander eingestimmt intonieren.
Und so
wie der ehemalige Kulturdezernent die Zuhörer mitnimmt
auf eine verbale,
intellektuelle Vergnügungsfahrt durch die Kulturgeschichte,
entführt auch die sichere, eindringliche und einfühlsame
Stimme der Mezzosopranistin Lola Gómez das Publikum
hinweg in eine träumerische Idylle, zu der der romantische
Gartenhof des Seckendorffschlosses den perfekten Rahmen abgibt.
Last not least, selbst das Wetter spielt mit. Ein durchweg
verhangener Himmel mit vereinzelten Regentropfen und nur gelegentlich
durchdrungen von sparsamen Sonnenstrahlen sorgt für ein
ganz reales Zwielicht. Ein Glück, dass die aufgestellten
Sonnenschirme nicht in Regenschirme umfunktioniert werden
müssen.
Eine gelungene Synthese von Ort, Zeit, Wort und Musik, ein
kulturelles Highlight in diesem doch so kulturreichen Sommer
in Roth - die zahlreich erschienenen Besucher wussten es zu
schätzen. Der verständliche Wunsch nach einer ähnlich
intensiven, vielfältigen Veranstaltung jedenfalls stößt
bei den Organisatoren, vhs Stadt Roth und Bücher Genniges,
auf offene Ohren. Ursula Reitberger, die Leiterin der Volkshochschule,
hat da schon einige ganz konkrete Ideen! 
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